lokale Situation

Zur Präsenz lokaler gemeinnütziger Organisationen in den sozialen Medien

Dachorganisationen von Wohlfahrtsverbänden und gemeinnützige Einrichtungen mit großem geographischen Radius sind in der Regel schon seit längerem im Internet aktiv und mit mehreren Profilen in den sozialen Medien vertreten. Auf Pluragraph.de kann man sich einen kleinen Überblick über die Präsenz von Nonprofits auf Facebook, Twitter und Co verschaffen.

Wie steht es jedoch um die Internet-Aktivitäten von lokalen Nonprofits? Sind diese schon durchweg im Netz präsent und nutzen soziale Medien oder sind sie eher nicht vertreten im digitalen Raum? Und warum ist diese Frage überhaupt von Bedeutung?

Weil der Nonprofit-Sektor dominiert wird von lokalen Organisationen. Es gibt über 600.000 Nonprofits in Deutschland, 95% davon als Verein organisiert. Von diesen 600.000 Nonprofits haben 84% einen ausschließlich lokalen und regionalen Schwerpunkt (Krimmer/Priemer 2013, S. 16 und 28). Wenn wir über „den“ Nonprofit-Sektor oder Dritten Sektor in Deutschland sprechen,  dann sprechen wir also primär nicht über Bundesverbände oder Organisationen auf nationaler Ebene, sondern über lokale Nonprofits in Städten, Dörfern und Regionen. Wenn wir wissen möchten, ob „der“ Nonprofit-Sektor digital inkludiert ist und soziale Medien nutzt, dann müssen wir uns mit lokalen Nonprofits befassen.

Wie sieht deren typisches Profil aus? Sie sind überwiegend mittelgroß (51-500 Mitglieder) und haben ein Budget bis 100.000 Euro (Priller u.a. 2012, S. 15). 60% der Vereine haben keine oder nur unterdurchschnittlich Mitglieder zwischen 14 und 30 Jahren (ebd., S. 25).

Wie nutzen lokale Nonprofits das Internet bzw. nutzen sie es überhaupt? Hier greife ich auf eine Studie aus Norwegen zurück, die die Internetaktivitäten von 2.500 freiwilligen Organisationen aller Sparten auf lokaler Ebene untersuchte und zwar 1998 und 2009 (Ivar S. Eimhjellen 2014, in: Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly 43 (5)).  Eine vergleichbare Studie gibt es in Deutschland nicht.

Der Studie von Eimhjellen zufolge sind 79% der lokalen Nonprofits in Norwegen online – in Deutschland dürfte diese Zahl niedriger liegen, da Norwegen zur Weltspitze gehört, wenn es um die digitale Einbindung der Bevölkerung geht: 97% der Bürger sind online verglichen mit 84% in Deutschland (2016).

89% der kommunalen Nonprofits in Norwegen, die online sind,  haben eine eigene Webseite, 25% sind auf Facebook, 5% haben ein eigenes Blog (Eimhjellen 2014, 898). Mit der Internetpräsenz verfolgen sie hauptsächlich die folgenden Ziele: informieren und den Kontakt mit der Zentrale auf nationaler Ebene pflegen. Interaktion und Interessenvertretung sind weniger wichtige Ziele. (ebd., 901).

Eine neuere Studie von Jimmy A. Young aus dem Jahr 2017, der die Social Media-Nutzung von 125  Nonprofit-Organisationen aus dem Sozialbereich einer amerikanischen Stadt untersucht, zeigt, dass Nonprofits in erster Linie ihre eigenen Dienste und Events über das Netz vermarkten. An zweiter Stelle kommt dann aber schon der Austausch mit der eigenen Community (Young 2017, 49). Bei den Plattformen, die die untersuchten Nonprofits nutzen, steht Facebook an erster Stelle, danach folgen Twitter, You Tube, LinkedIn, Blogs, Flickr und andere (ebd).

Wie sieht das Profil der lokalen Organisationen aus, die in Norwegen das Netz nutzen? Es sind Organisationen, die eher groß, städtisch, formal strukturiert, jüngere Gründungen und solche mit jüngeren Mitgliedern sind (Eimhjellen 2014, S. 901). Umgekehrt bedeutet dies, dass kleine, ländliche, informelle, alte Gründungen und solche mit älteren Mitgliedern eher nicht online sind.

Eine Erkenntnis der Studie von Eimhjellen ist, dass das Internet die Organisationszentralen stärkt und nicht die lokalen Mitglieder: „Being online is also related to the centralization of decisive power in organizations (…) This finding challenges the ideal of a participatory democracy and the local members‘ influence within voluntary organizations‘ central administration“ (Eimhjellen 2014, 904).

Dieser Machtzuwachs für die Zentralen ist meines Erachtens auch in Deutschland auf lokaler Ebene ganz deutlich im Wohlfahrtsbereich an dem Verhältnis zwischen gesamtstädtischem Träger  und dessen Stadtteileinrichtungen und -gruppen zu beobachten: letztere haben vielerorts zumeist keinen eigenen Handlungsspielraum, wenn es um das Internet geht, sondern sind als statische Unterseite eingebunden in einen Webauftritt, der von der (städtischen) Zentrale verwaltet und kontrolliert wird. Online-Netzwerke mit den Bürgern im Quartier können so nicht aufgebaut werden.

Mein Fazit aus den hier präsentierten Forschungsergebnissen und eigenen lokalen Erfahrungen ist:

1. Die digitale Inklusion des Dritten Sektors ist lokal immer noch ein wichtiges Thema: ein Teil der lokalen Nonprofits in Deutschland dürfte nicht im Web sein, vor allem solche mit älteren Mitgliedern. Dieses Fehlen von Teilen der Zivilgesellschaft im Netz schwächt diese als Ganzes. Staat und Wirtschaft haben den Dritten Sektor im digitalen Raum überholt und schaffen Strukturen, die den Handlungsspielraum von Bürgern einengen. Nur eine Zivilgesellschaft, die mit dem digitalen Raum umgehen kann, wird hierzu Gegenstrategien entwerfen können.

Trotz der teils fehlenden oder suboptimalen Präsenz lokaler Nonprofits im Internet ist deren digitale Inklusion im allgemeinen kein Thema.  Viele der großen Verbände haben bis jetzt noch keine Offensive gestartet, um ihre Stadtteileinrichtungen besser ins Mitmach-Internet einzubinden und sie im Umgang mit der Digitalisierung flächendeckend zu schulen.

Mit einzelnen Fortbildungsangeboten kommt man hier nicht weiter. Dazu muss man eine Bildungsoffensive und Mitmach-Bewegung auf auf lokaler Ebene starten. In allen größeren Gemeinden sollten sich peer-to-peer-learning-Gruppen oder Mentoren-Systeme etablieren, im Rahmen derer die lokalen gemeinnützigen Einrichtungen ihren Umgang mit der Digitalisierung schulen können. In diesen Gruppen könnte auch die kritische Diskussion der digitalen Infrastruktur stattfinden und könnten demokratische Web-Tools entwickelt werden als punktuelle Alternativen zu den großen kommerziellen Plattformen. Wichtig wäre es, diese Gruppen einrichtungsübergreifend zu organisieren und sie auch für Bürgerinnen und Bürger im Stadtteil zu öffnen, damit die zivilgesellschaftlichen Akteure gemeinsam lernen. Und sie gemeinsam die Gemeinwohlorientierung der digitalen Infrastruktur vorantreiben.

Im übrigen ist die lokale Ebene auch der perfekte Ort für Nonprofits, um Netzwerke aufzubauen und zu pflegen. Die Pflege von Netzwerken ist hier einfacher, als wenn dies von den Dachverbänden aus versucht wird. Lokale Netzwerke, die on- und offline betreut werden, haben eine größere Chance, zu überleben.

2. Vernetzung und Partizipation – im Internet oder offline  – sind nach wie vor große Baustellen für den Nonprofit-Bereich, speziell auch auf lokaler Ebene. Aber es schwächt sich der Dritte Sektor selbst, wenn er Ressourcen nicht poolt und Potenziale aus der Bevölkerung nicht abruft. Gemeinnützige Organisationen müssen Modelle entwickeln, wie sie im Alltag partizipativer arbeiten können. Überlegungen zum Thema „Partizipation in Sozialeinrichtungen“ habe ich in meinem Blog Nonprofits-vernetzt.de schon präsentiert, siehe Teil 1, Teil 2 und Teil 3 der gleichnamigen Serie auf jener Webseite.